Mehrere Personen sitzen an einem Tisch im Speiseraum zusammen.

Ein zweiter Geburtstag - und ein neuer Berufsweg Meldung vom:

  • Marvin Günther steht in der geöffneten Eingangstür der Firma Lerch Türen. Hinter ihm sieht man den Empfangstresen, darüber das Logo der Firma.

Der 11. Juni hat sein Leben für immer verändert. Ein Arbeitsunfall im zweiten Lehrjahr der Dachdecker-Ausbildung – ein Sturz aus acht Metern Höhe von einem Gerüst. Rettungshubschrauber, Klinik, Ungewissheit.

Der Unfall, der alles veränderte

Fast zwei Jahre war er krankgeschrieben. Zwei Jahre, in denen nicht nur der Körper heilen musste, sondern auch die Psyche. Die körperliche Belastbarkeit war stark eingeschränkt, dazu kam eine ausgeprägte Höhenangst. Schnell war klar: Auf das Dach würde er nicht mehr zurückkehren können. Die Ausbildung, die fast schon geschafft war, musste beendet werden. Was folgte, war eine Zeit voller Unsicherheit wie es gesundheitlich und beruflich weitergeht. Zunächst arbeitete er als Produktionsmitarbeiter im Drei-Schicht-System am Fließband – körperlich eigentlich schon zu viel, perspektivisch erst recht keine Lösung.

Zwei Jahre Stillstand - und der Verlust der Perspektive

„Ich wusste: So kann es nicht weitergehen." Der Wendepunkt kam über die zuständige Berufsgenossenschaft (BG), seinen Reha-Träger. Im Gespräch mit seinem Sachbearbeiter wurde klar: Es braucht einen Neustart – mit Struktur, Perspektive und Unterstützung. Die Empfehlung führte zum Regionalcenter Kassel des Berufsförderungswerks Frankfurt am Main. Kurz darauf meldete sich ein Mitarbeiter und lud zu einem Kennenlernen ein. Anfangs überwog Skepsis. Noch ein Termin, noch ein Programm, noch eine Verpflichtung. Doch das änderte sich schnell. Gemeinsam wurde der Lebenslauf angeschaut, die Situation eingeordnet und ein realistischer Weg entwickelt. Im November 2021 startete dann für ihn die Reha Vorbereitung im Regionalcenter Kassel. Finanziell abgesichert war er von nun an durch das Übergangsgeld der Berufsgenossenschaft.

“So kann es nicht weitergehen” - der Wendepunkt mit der BG BAU

Drei Monate lang ging es darum, schulische Inhalte aufzufrischen, Bewerbungen zu schreiben und den Einstieg in eine neue Ausbildung vorzubereiten. Möglichkeiten auszuloten: Welcher Beruf passt – körperlich, persönlich, langfristig? Was ist realistisch? Was macht Sinn? Parallel wurden schulische Inhalte aufgefrischt, Bewerbungen geschrieben und der Einstieg in eine neue Ausbildung vorbereitet. Der Kurs nahm die Angst vor dem Neuanfang – und machte Mut. Zum 1. Februar begann er mit einer verkürzten Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei einem Unternehmen ganz in seiner Nähe – der Lerch Türen GmbH, einem inhabergeführten Familienbetrieb in sechster Generation mit rund 30 Mitarbeitenden und über 175 Jahren Unternehmensgeschichte.

Der erste Schritt in eine neue Richtung

Dank seiner handwerklichen Vorbildung und der Vorbereitung im BFW fiel ihm der Einstieg in die Ausbildung leicht. Begleitet wurde er während der gesamten Ausbildungszeit weiterhin vom Regionalcenter Kassel: einmal pro Woche Stützunterricht, Hilfe bei Hausaufgaben und intensive Vorbereitung auf Zwischen- und Abschlussprüfung. Gerade diese kontinuierliche Begleitung erwies sich als entscheidend. „Am Anfang war ich ehrlich gesagt genervt. Nach der Berufsschule nochmal lernen, nochmal hinfahren. Aber rückblickend weiß ich: Ohne das BFW hätte ich die Ausbildung nicht so abgeschlossen."

Mut zum Neustart: Der Einstieg in eine neue Ausbildung

Im Unternehmen selbst fand er schnell seinen Platz. Heute arbeitet er im Vertrieb von Holz und Holzwerkstoffen, prüft technische Zeichnungen, erstellt Fertigungsaufträge und betreut Kunden – vor allem Firmenkunden mit größeren Bauprojekten, aber auch Privatkunden. Lerch Türen beliefert deutschlandweit Großprojekte und öffentliche Einrichtungen und ist spezialisiert auf hochwertige Innentüren – gefertigt im eigenen Haus. Seine frühere Ausbildung als Dachdecker ist dabei ein echter Vorteil: Baupläne lesen, Abläufe verstehen, mit anderen Gewerken sprechen – all das fällt ihm leichter. Er weiß, wovon er spricht. Der Einsatz zahlte sich aus: Er wurde Ausbildungsbester im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Auch sein Ausbildungsbetrieb wurde ausgezeichnet. Im Sommer 2024 bestand er seine Abschlussprüfung – und wurde direkt übernommen.

Begleitet, gefördert, unterstützt - warum das BFW entscheidend war

Heute sagt er: „Mir geht es richtig gut. Die neue Ausbildung war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich habe jetzt einen Abschluss in der Tasche, einen sicheren Job und endlich das Gefühl, angekommen zu sein." Der Druck, die ständige Anspannung der Jahre nach dem Unfall – all das ist verschwunden. Geblieben ist Dankbarkeit, Stolz und Zuversicht. Gesundheitlich wird er nie wieder dort stehen, wo er vor dem Unfall war. Aber er ist genau dort, wo er heute sein möchte. Seit vier Jahren hat er nun eine neue Perspektive. Und noch immer macht ihm die Arbeit Spaß. Diese Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn nach einem schweren Einschnitt die richtigen Menschen, Institutionen und Entscheidungen zusammenkommen. Die Berufsgenossenschaft, das Regionalcenter des BFW Frankfurt und ein engagierter Ausbildungsbetrieb haben gemeinsam einen Weg eröffnet – und aus einem Sturz eine neue Perspektive entstehen lassen.

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